Siddharta und Kolonialwarenladen

Die Weimarer Republik und der Rest der Welt

Die Beziehung der Weimarer Republik zum Exotischen, Fremden und Anderen ist komplex und aus heutiger Perspektive häufig widersprüchlich.

1919 muss Deutschland seine Kolonien abgeben. Weite Teile der Bevölkerung werten das als Ungerechtigkeit. Der Völkermord an den Herero und andere Verbrechen der Kolonialzeit werden bestritten. Kolonialwaren, Kolonialbälle und die sogenannten Afrikabücher – ideologisch aufgeladene Reiseberichte aus den ehemaligen Kolonien –, verfestigten die romantisierte, verzerrte Erinnerung an die »zweite Heimat«. Volk ohne Raum (Hans Grimm, 1926) ist einer der Titel. Die von Frankreich zwischen 1919 und 1930 im Rheinland stationierten afrikanischen Kolonialsoldaten werden zum Anlass für zügellose rassistische Fantasien genommen.

Andererseits interessieren sich zunehmend mehr Menschen für fremde Kulturen und Religionen. Künstler:innen und Glücksritter:innen brechen auf zu individuellen Selbsterfahrungstrips. Romane wie Siddharta (1922) von Hermann Hesse, Filme wie Paul Wegeners DER YOGHI (1916) und LEBENDE BUDDHAS (1926) sind geprägt von der Suche nach alternativen Sinnangeboten, jenseits christlich-abendländischer Traditionen. Kultureller Austausch zwischen den Nationen wird alltäglich. Filmzeitschriften berichten über die Entwicklung der Filmwirtschaft in anderen Ländern.

Der Untergang des Abendlandes (1918/22) ist nicht nur der sprichwörtlich gewordene Titel von Oswald Spenglers Abhandlung, sondern spiegelt den Zeitgeist der Konservativen. Moderne und Fortschritt scheinen nach dem 1. Weltkrieg an ihr Ende gekommen. Es folgt eine Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln. Doch die Beschäftigung mit Sanskrit und den indogermanischen Sprachen entspringt meist nicht dem Wunsch nach Kontakt mit anderen Kulturen. Gesucht werden Belege für die Bedeutung der eigenen Denktradition. Weite Teile der akademischen Orientalistik wenden sich später dem Nazismus zu.

Lichtbild Bühne Nr. 40, 7. Oktober 1916

„Der Yoghi“ (DE 1916, R: Paul Wegener)
Quelle: Lichtbild Bühne Nr. 40, 7. Oktober 1916

Lichtbild Bühne Nr. 40, 7. Oktober 1916

„Der Yoghi“ (DE 1916, R: Paul Wegener)
Quelle: Lichtbild Bühne Nr. 40, 7. Oktober 1916