Blackface
Minstrel Shows und Kolonialbälle
»Blackface« bezeichnet eine Form der Maskerade, bei der weiße Menschen sich die Gesichter schwarz anmalen. Die rassistische Praxis stammt ursprünglich aus den USA und war vor allem in der Theater- und Kleinkunstszene populär.
Die bis heute in Deutschland kontrovers geführten Diskussionen um das Blackfacing lassen sich nur nachvollziehen, wenn man berücksichtigt, dass historisch, auch hierzulande, unterschiedliche Formen dieser Praxis Anwendung fanden: »Naturalistische« Darstellungen trachteten danach, Schwarze Darsteller:innen auf möglichst unauffällige und »realistische« Weise durch geschminkte weiße Mimen zu ersetzen. Daneben existierte eine »anti-naturalistische« oder »theatralische« Form des Blackface.
Die »naturalistische« Form des Blackface kommt im Kino der Weimarer Republik z.B. in dem Film DER FREMDE FÜRST (DE 1918, R: Paul Wegener) vor. Wegener spielt hier, mit schwarz geschminktem Gesicht, den Sohn eines »afrikanischen Fürsten«. Dieser reist mit einem Kolonialherren nach Europa und verliebt sich in dessen Tochter Eva. Wenig erfreut, verbietet der Vater dem Paar nicht nur die Ehe. Er sorgt auch dafür, dass der Fürst keine finanziellen Mittel mehr aus der kolonialisierten Heimat erhält. In ihrer Verzweiflung verdingt sich Eva als »exotische Tänzerin«. Der Fürst verfällt dem Opium und stirbt.
Noch heute argumentieren Fürsprecher, dass hier ein deutscher Filmemacher in bester Absicht die Tragödie zeigt, zu der rassistische Vorurteile führen. Zuletzt wurde diese Argumentation in Hinsicht auf die deutschen Karl May Verfilmungen bemüht, auf welche die folgende Kritik ebenfalls zutrifft: Diese Perspektive verkennt den strukturellen Rassismus, der den Absichten Wegeners vorausgeht. Im Kino der Weimarer Republik gibt es nachweislich keine einzige Person of Color, die eine weiße Rolle verkörpert. Die Möglichkeit, sich andere Kulturen und Ethnien durch Kostümierung anzueignen, steht ausschließlich deutschen und anderen weißen Darsteller:innen offen. Im Kino der Weimarer Republik gibt es auch keine Darstellung von »Rassenmischung«, die nicht in einer Tragödie endet – das rassistische Tabu bleibt unangetastet: Die weiße Frau ist dem Untergang geweiht, sobald sie sich mit dem »Fremden« einlässt. Der Drogenkonsum des Mannes und die in die Prostitution gedrängte Frau sind aus unzähligen Groschenromanen bekannte Versatzstücke, die auf rassistischen Angstvorstellungen beruhen.
Die »theatralische« Form des Blackface hat ihren Ursprung in den sogenannten Minstrel Shows, die in den USA seit dem 19. Jahrhundert populär waren. Hier handelt es sich nicht nur um eine strukturell rassistische Praxis, sondern um eine Form von rassistischer Performanz, bei der es einzig um die Abwertung Schwarzer Menschen geht. Die Darsteller:innen malen sich mit Kohle die Gesichter schwarz und die Lippen rot und führen dem Publikum eine groteske Karikatur des Lebens und der Musik unter den Bedingungen der Sklaverei vor.
In der Weimarer Republik werden Schwarze Menschen als Sportler:innen, Entertainer:innen und Jazzmusiker:innen zu Emblemen der urbanen Massenkultur. Doch auch hier wirken rassistische und sexistische Projektionen: In DIE BOXERBRAUT (DE 1926, R: Johannes Guter) lässt sich Publikumsliebling Willy Fritsch in der Rolle des gehörnten Fritz Spitz den Körper »schwarz bepinseln« – wie er in einem Schlager zum Besten gibt – und täuscht seiner Geliebten Helen vor, der Schwarze Boxstar »Fighting Bob« zu sein. Schwarze Männlichkeit wird hier zum sexualisierten Fetisch, von weißen Frauen begehrt, von weißen Männern beneidet und gefürchtet. Die Handlung des Films stellt die rassistische Ordnung wieder her: Der wahre Fighting Bob wird im Ring von einem weißen Boxer vernichtend geschlagen, Helen kommt zur Besinnung und die Ehe zwischen ihr und Fritz kann nun »richtig beginnen«, wie die Schlussworte des Films versichern.
Eine spezifisch deutsche Variante des Blackface wurde auf den von der Deutschen Kolonialgesellschaft veranstalteten Kolonialbällen praktiziert. Dort traten Darsteller:innen in Blackface und Baströcken auf, servierten »Sahara-Sandkuchen« und hielten die Erinnerung an die koloniale Vergangenheit in grotesken, rassistischen Fantasiebildern wach. Schwarze Menschen hatten dort keinen Zutritt. Dass es kein deutsches Wort für die Praxis des Blackface gibt, liegt auch daran, dass die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte noch immer lückenhaft ist. Bis heute wird häufig übersehen, dass der Rassismus in Deutschland nicht erst mit dem Nationalsozialismus aufkam, sondern auch in der Weimarer Republik fest verankert war.
Paul Wegener in Blackface in „Der fremde Fürst“ (DE 1918, R: Paul Wegener)
Quelle: Der Kinematograph, 17. Juli 1918

