Anna May-Wong
Als »Madame Butterfly« in Berlin
Die Hälfte aller in Amerika veröffentlichten Filme zwischen 1909 und 1915 behandeln eine Variante des »Madame Butterfly«-Narrativs, in dem die Liebe zwischen einem amerikanischen Soldaten und einer genügsam-ergebenen Japanerin tragisch mit ihrem Tod endet. Im »Japonismus« wird die japanische Kultur idealisiert, zugleich aber auf orientalistische Klischees wie die ergebene Geisha oder den Bushido-beseelten, allzeit zum HARA-KIRI (DE 1919, R: Fritz Lang) bereiten Samurai reduziert.
Anna May-Wong war Amerikanerin. Ihre Großeltern waren 1855 von China in die USA ausgewandert. Nach 34 amerikanischen Filmen nahm sie ein Angebot von Richard Eichberg an, mit dem sie drei Filme in Deutschland drehte: SCHMUTZIGES GELD (DE 1928), GROSSSTADTSCHMETTERLING (DE 1929) und HAI-TANG. DER WEG ZUR SCHANDE (1930). Alle drei variieren das »Madame Butterfly«-Narrativ, arbeiten aber die »chinesischen« Klischees mit ein: Wong tritt in jedem der Filme als sexualisierte Tänzerin in zwielichtigen Milieus auf, geht eine ergebene Liebesbeziehung mit einem Weißen ein und verzichtet schließlich im Tod oder einem tragischen Abschied selbstlos auf den Geliebten.
In der deutschen Presse wird Wong größtenteils positiv besprochen. So heißt es in der September-Ausgabe des Jahres 1924 im Kinematographen über THE TOLL OF THE SEA (USA 1922, R: Chester M Franklin): »Die Hauptrolle, die Lotosblume, spielt eine außerordentlich begabte Chinesin, Fräulein Anna May Wong. Sie ist nicht mehr vollkommen unberührt von amerikanischer Darstellertechnik, aber dennoch Asiatin genug geblieben, um mit sparsamster Gebärde anzudeuten, zu überzeugen und zu rühren.«
Der Philosoph Walter Benjamin vergleicht Wong mit Sessue Hayakawa und lobt »die subtile Materie« der »mongolische[n] Mimik«. Das hier bewunderte »Asien«, das aus Versatzstücken chinesischer und japanischer Kultur besteht und vor allem auf die Körper ostasiatischer Frauen projiziert wird, ist letztlich eine orientalistische Fantasie.
Audiobeitrag von Sarah Peil
Anna May-Wong in: Kinematograph Nr. 197, 25.8.1929
Plakat GROßSTADTSCHMETTERLING
Maße: 142 x 94,5 cm / Gestaltung: Willy Dietrich
Quelle: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main / Plakatarchiv


